Karl der Große
Die tausendzweihundertste Wiederkehr des Todestages von Karl dem Großen im Januar 2014 bietet genügend Anlass, seine historische Bedeutung aus heutiger Perspektive neu zu beleuchten. Nach Johannes Fried (s. BP/mp 14/34) hat auch der Heidelberger
Historiker Stefan Weinfurter eine Karlsbiografie vorgelegt. Der Untertitel des Buches rückt die Widersprüchlichkeit Karls in den Mittelpunkt: Mit Waffengewalt und unendlichem Blutvergießen eroberte der Frankenkönig ein Großreich, dem er einen einheitlichen christlichen Glauben verordnete. Stefan Weinfurter glaubt, dass Karl - maßgeblich von Augustinus beeinflusst - nach einem irdischen Gottesreich strebte, in dem sich die Völker den Normen der Kirche und der Herrschaft des christlichen Kaisers zu unterwerfen hatten. Diesem Streben ist auch die historisch nachhaltigste Leistung Karls zu verdanken, die Bildungsoffensive in der "karolingischen Renaissance". Wie aber beurteilen wir heute einen Herrscher, für den Geist, Glaube und Gewalt untrennbar verbunden bleiben? Der Autor versucht, das Wirken Karls aus dessen eigener Zeit und Kultur heraus zu verstehen und liefert so ein differenziertes Bild einer großen Herrschergestalt. - Im Vergleich ist die Karlsbiografie Weinfurters wesentlich kompakter, in der Sprache nüchtern-sachlicher und eher an den Laien gerichtet, wohingegen das Werk von Johannes Fried opulenter, detailverliebter, literarischer ausfällt und vornehmlich ein besonders interessiertes Lesepublikum im Auge hat. In der Bewertung Karls sind sich die beiden Historiker weitgehend einig. Beide Biografien werden über das Jubiläumsjahr hinaus zu den wichtigen Werken über das frühe Mittelalter gehören.
Karl der Große
Stefan Weinfurter
Piper (2013)
352, [8] S. : Ill. (überw. farb.), Kt.
fest geb.