Im Winter schläft man auch bei Wölfen
Schon in seinem stark beachteten Erstlingsroman "Zu lieben und zu sterben" (BP/mp 12/875) hatte der venezianische Autor die prekäre Beziehung zwischen Besatzern und Besetzten in Zeiten des Krieges auf eindringliche Weise beschrieben. Hier nun flieht
im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs eine Gruppe italienischer Bürger aus Venedig vor den deutschen Besatzern. Die gefährliche Flucht kostet viele das Leben. Pietro, ein 10-jähriges Waisenkind und sein jüdischer Freund Dario sowie eine junge Frau werden von einem Deutschen unter Einsatz des eigenen Lebens gerettet, wobei bis zuletzt nicht völlig klar wird, wieso dieser sich selbst in so große Gefahr begibt. Molesini, eigentlich Kinderbuchautor, erzählt vorwiegend aber aus der Perspektive und mit den Worten des 10-jährigen Pietro. Dass es freilich nicht so leicht ist, sich in die Denk- und vor allem Redeweise eines 10-jährigen einzufühlen, wird leider allzu deutlich. Die Redeweise Pietros scheint in einem überzogenen Maße, ja fast penetrant, mit (zum Teil grotesk unpassenden) Metaphern und Vergleichen überfrachtet. Überstrapaziert und manieriert auch die Fiktion des imaginierten Wolfes, der dem Jungen in Gefahrensituationen seelischen Beistand leistet. Bedenkenswert ist jedenfalls die sublime Botschaft des Romans, dass Gut und Böse auf beiden Seiten einer Front zu finden sind. Der nicht durchweg fesselnde, manchmal allzu redundante Roman endet mit der Befreiung durch die Amerikaner und dem Tod des letztlich etwas zwielichtigen Deutschen. Deutlich schwächer als Molesinis erwähnter Debütroman. (Übers.: Barbara Kleiner)
Im Winter schläft man auch bei Wölfen
Andrea Molesini
Piper (2014)
271 S.
fest geb.