Oberammergau
1633 haben die Oberammergauer mitten in einer schweren Pestepidemie das Gelübde geschworen, alle zehn Jahre „das Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ aufzuführen. Ins Zentrum seines starken Romans stellt Robert
Löhr die Vorbereitungen auf die Uraufführung des Passionsspiels zu Pfingsten 1634. Das gut recherchierte geschichtliche Setting mit der konfessionellen Konfrontation zwischen den Katholiken und Protestanten im Dreißigjährigen Krieg wie auch den seit dem Mittelalter in Europa kursierenden Verschwörungstheorien über Juden als Verursacher der Seuche bildet die Kulissen für die dramatisch aufgeladene Handlung in dem bayerischen Alpendorf. Mit ihren Sehnsüchten, Schwächen und Sünden ist das Innenleben der Figuren aus dem Dorf überzeugend gezeichnet; ob sie nun mit Gott hadern, Liebesgefühle füreinander entwickeln oder als Außenseiter verschmäht werden. Bei der Lektüre ist man ganz nah an der Verachtung, die dem schwedischen Kriegsgefangenen Ingmar entgegenschlägt, an dem Schmerz der über den Pesttod ihrer beiden Kinder verzweifelten Ortsvorsteherin Agnes, an den Bemühungen des jungen Pfarrers Johannes, zwischen den Passionsbefürwortern und -gegnern im Ort zu schlichten. Archaisierende Sprache in den Dialogen wie auch in der Erzählung wird gekonnt eingesetzt; Bilder der brutalen Kriegsgewalt und der verheerenden Pestkrankheit lassen die Atmosphäre plastisch werden. – Eine uneingeschränkte Empfehlung für jeden Medienbestand.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Oberammergau
Robert Löhr
Piper (2026)
477 Seiten
fest geb.