Königin der Nacht
Lukas Bärfuss, bisher vor allem als Dramatiker in Erscheinung getreten, legt mit seinem Großessay ein Stück autofiktionaler Prosa vor, die vor allem durch ein provokantes Thema besticht: Armut in der Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt,
im ausgehenden 20. Jh. Dem Publikum, das mit dem Werk von Bärfuss vertraut ist, ist dieses Sujet bereits als ein zentrales Thema seines Oeuvres bekannt. Ausgehend vom Tod der Mutter wird die komplizierte Beziehung zum Sohn reflektiert, die von einer sozial prekären Situation, familiären Schwierigkeiten, nicht wahrgenommenen Verantwortlichkeiten geprägt und dabei so toxisch ist, dass das erzählende Ich noch als Kind zum Obdachlosen wird. Das Buch erzählt aber auch davon, sich durch entmutigende Umstände nicht klein kriegen zu lassen und trotz aller Widrigkeiten einen Weg zu gehen, der schließlich in die Literatur führt. Im letzten Teil verknüpft Bärfuss dann auch sein eigenes Schicksal mit den Vaganten und Fahrenden früherer Zeiten, die sich im Zweifelsfall durch eine gut erzählte Geschichte als Lohn den Lebensunterhalt für den nächsten Tag sichern konnten. In dieser Ahnenreihe verortet sich Bärfuss, so dass sein neues Buch nicht nur für alle die interessant sein dürfte, die einen Schlüssellochblick auf die abgründigen Seiten seiner Vergangenheit werfen, sondern auch für die, die etwas über sein literarisches Selbstverständnis erfahren möchten.
Antonie Magen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Königin der Nacht
Lukas Bärfuss
Rowohlt (2026)
126 Seiten
fest geb.