Sister Europe
Berlin im Vorfrühling 2023. Bei einer Preisverleihung im Hotel Interconti treffen ungewöhnlich diverse Figuren aufeinander. Der arabische Autor Masud al-Huzeil, der an diesem Abend ausgezeichnet werden soll, begegnet dort seinem Freund Demian, einem
Kunstkritiker, sowie dem homosexuellen arabischen Prinzen Radi, dem halbamerikanischen Kleinverleger Toto und dessen deutlich jüngerem Internet-Date Avianca. Ebenfalls anwesend sind Demians Freundin Livia und ihr Pudel Mephisto. Nach einer eher langweiligen Zeremonie und einem Galadinner im ehemals noblen, nun leicht heruntergekommenen Hotel, begeben sich die ungleichen Charaktere auf einen nächtlichen Spaziergang durch den Tiergarten. Hinzu stößt nach einem missglückten Auftritt als Stricherin auf der Kurfürstenstraße Demians 15-jährige Trans-Tochter Nicole, die mal Kilian hieß. Nicole möchte als Frau leben und verliebt sich prompt in den Prinzen Radi. Verfolgt wird die Gruppe vom Kriminalpolizisten Klaus, der verbotene Aktivitäten wittert. Im weiteren Verlauf entspinnen sich intelligente, witzige und tiefgründige Dialoge über Identität, Liebe, Begehren, Einsamkeit, Alltagsabsurditäten und Wokeness. Die ziemlich schrägen Vögel verstricken sich in allerlei Irrungen und Wirrungen, aber am Ende finden sich die, die zusammenpassen, und auch jene, die es nicht tun, finden ihren eigenen Platz. – Der Roman der in Kalifornien geborenen und in Berlin lebenden Autorin widmet sich den existenziellen Fragen unserer Zeit. Mit Feingefühl und ironischem Blick lässt Zink die Leserinnen und Leser teilhaben an den pointierten Debatten einer Zufallsgemeinschaft über seelische und gesellschaftliche Zwiespalte, Identität und Zugehörigkeit. Nach einem etwas holprigem Einstieg entwickelt der Roman zunehmend erzählerische Dynamik und entfaltet sich zu einem scharfsinnigen, eigenwilligen und unterhaltsamen Lesevergnügen voller Witz, Tiefgang und sprachlicher Originalität.
Günther Freund
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Sister Europe
Nell Zink ; aus dem Englischen von Tobias Schnettler
Rowohlt (2025)
268 Seiten
fest geb.