Vom Fällen eines Stammbaums
"Familie ist ein brutales Konzept. Familie kann einen Menschen brechen oder ermöglichen", sagt Martin, der Ich-Erzähler dieses bemerkenswerten Debüt-Romans. Als Sohn einer aus Polen geflüchteten alleinerziehenden Mutter wächst er in prekären
Verhältnissen auf. Schon früh lernt er, Verantwortung zu übernehmen: für sich selbst und seine schulischen Belange, aber auch für die psychisch labile Mutter, die ihre Probleme mit zu viel Alkohol und Nikotin betäubt. Nachdem sie ihre Arbeit als Altenpflegerin krankheitsbedingt aufgeben muss, spitzen sich die Probleme zu: Die Mutter ist vollkommen auf den Sohn angewiesen. Als Martin nach und nach mehr über die Familiengeschichte erfährt, findet er nicht nur Erklärungen, sondern auch Verständnis für das Verhalten seiner Mutter. Das titelgebende Bild vom Fällen des Stammbaums zeigt den radikalen Schnitt in der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Martin sieht seinen Stammbaum in den Geschichten, die seine Mutter ihm erzählt hat. Für ihn ist Familie eine Geschichte, so, wie sie erinnert wird. In der Weitergabe dieser Geschichte liegt seine Erzählung, seine Fürsorge, mit der der Stammbaum endet. Packend und eindringlich schreibt Piekar über gelebte Traumata, über Verzweiflung und Wut, aber auch über viel Liebe und Zuneigung. Unbedingt beachtens-, lesens- und empfehlenswert!
Gertrud Plennert
rezensiert für den Borromäusverein.
Vom Fällen eines Stammbaums
Martin Piekar
Rowohlt Hundert Augen (2026)
457 Seiten
fest geb.