Der Architekt und sein Führer
Albert Speer hat als eine der wenigen NS-Größen den Krieg und die Nürnberger Prozesse überlebt. Der Autor setzt sich hier romanhaft mit dieser Figur auseinander. Das ist ein in Deutschland eher ungewöhnlicher Weg, der in Frankreich aber seit Jahren
erfolgreich ist. Orengo wahrt stets die kritische Distanz, nie lässt er die (für Romane eigentlich tragende) Identifikation zu. Es gelingt ihm nicht zuletzt damit auch gut, den großen "Clou" Speers zu entlarven, dem auch zahlreiche Historiker auf den Leim gingen. Nach der verbüßten Haftstrafe für seine Taten als Rüstungsminister hat er sich selbst in seinen "Erinnerungen" und zahlreichen Interviews als mehr oder minder ahnungslosen "guten Nazi" inszeniert, als einen nur der Kunst verpflichteten, unpolitischen Architekten. In diesem Roman geht es auch um diesen Konflikt der Narrative, die im Fall Speers zum Teil sogar aktenkundliche Beweise in den Hintergrund gedrängt hat. –Alles in allem ein interessanter Titel, bei dem die Unterscheidung zwischen Fiktion und dokumentarischen Elementen für Leser:innen allerdings sehr herausfordernd ist.
Thomas Oberholthaus
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Architekt und sein Führer
Jean-Noël Orengo ; aus dem Französischen von Nicola Denis
Rowohlt (2025)
270 Seiten
fest geb.