Zugwind

Die aus Odesa stammende 28-jährige Ärztin Mira Zehmann lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Stadt N. in Deutschland, als Russland im Jahr 2022 ihr Heimatland überfällt. Sie ist in einer Hausarztpraxis angestellt und die aus der Ukraine Zugwind Geflüchteten kommen zuhauf zur Behandlung. Mira ist konfrontiert mit den psychischen Belastungen und körperlichen Erkrankungen, dem Anspruchsdenken und den vielen persönlichen Geschichten, Ängsten und Sehnsüchten der Patienten. Dabei ist sie selbst in Furcht und Schrecken versetzt, sorgt sich um das Wohlergehen ihrer Großmutter, die in Odesa lebt, und verfolgt mittels einer App jede Warnung vor Luftangriffen. Trotz der Gefahren gibt sie dem Bedürfnis nach, ihre Heimat zu besuchen, trifft dort Freunde und sieht, wie die Menschen versuchen, ihren Alltag so gut es geht zu leben. Sie sucht viele liebgewordene Orte in Odesa auf und ist sich der Vergänglichkeit bewusst. Die Hoffnung auf Frieden und Unbeschwertheit jedoch bleibt und sie findet einen Weg, mit dem herrschenden "Zugwind" umzugehen. Sehr plastisch, durch viele kurze Einblendungen von Patientengeschichten, vermittelt die Autorin Iryna Fingerova, die selbst als Ärztin in Deutschland arbeitet, die Situation der Menschen, die direkt vom russischen Angriffskrieg betroffen sind, und lässt dabei auch kritische Worte nicht aus. Der lyrische und doch kraftvolle Roman verdient große Leserschaft.

Gabriele Berberich

Gabriele Berberich

rezensiert für den Borromäusverein.

Zugwind

Zugwind

Iryna Fingerova ; aus dem Ukrainischen von Jakob Walosczyk
Rowohlt Hundert Augen (2026)

301 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 625292
ISBN 978-3-498-00800-0
9783498008000
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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