Die Frau im blauen Mantel
Sie nennt sich Ines, aber sie heißt nicht so; sie kommt irgendwo aus Afrika und hat Unterschlupf gefunden in Berlin. Als junge Schwarze arbeitete sie früher in einem Hotel in einer afrikanischen Touristenhochburg. Als sie von einem schwarzen Europäer
geschwängert wird, der nach der Geburt zusammen mit dem Kind verschwindet, versucht sie in einer wahren Odyssee Deutschland und Berlin zu erreichen und ihr Kind zu finden. Auf abenteuerliche Weise überwindet sie das Mittelmeer und macht sich ohne Geld, ohne Kenntnisse, ohne Beistand weiter auf den Weg nach Norden. Immer wieder findet sie Menschen, die ihr durch kleine Gesten Hilfe leisten: ein Dach für eine Nacht, ein bisschen Geld für Essen, kostenlose Mitreisegelegenheit. In Berlin findet sie ihren Sohn, aber als Illegale ist der Absturz vorprogrammiert und sie landet im Gefängnis. - Wie ein Fächer entfaltet der Roman die Geschichte und den Charakter von Ines. Personen, denen sie auf ihrem abenteuerlichen Weg von Afrika nach Europa begegnet ist, kommen ebenso zu Wort wie die frühere Kollegin oder der Inspektor, der sie im Gefängnis vernimmt. Aus diesen Momentaufnahmen ergibt sich das Bild einer entwurzelten, aber auch skrupellos zu allem entschlossenen Existenz. Das Stilmittel des ständigen Wechsels der Zeit und der Perspektive sowie das erst allmähliche Entstehen eines Gesamtbildes erfordern die Aufmerksamkeit des Lesers. Gut geeignet für Büchereien mit literarisch anspruchsvollem Publikum. (Übers.: Grete Osterwald)
Ulrike Braeckevelt
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Frau im blauen Mantel
Lloyd Jones
Rowohlt (2012)
316 S.
fest geb.