Glauben ja, Kirche nein?
Julian Sengelmann ist Schauspieler, Moderator, Musiker und evangelischer Theologe und möchte mit seinem Buch einen "hoffnungsvoll kritischen Liebesbrief an Kirche und Glaube" schreiben. Dass er es gewöhnt ist, vor Publikum zu sprechen, merkt man
an seinem flotten und unverkrampften Erzählstil, der das grundlegend deprimierende Thema immer wieder durch kleine Anekdoten und muntere Passagen auflockert. Sein Buch ist eine "Cuvée aus Tagebuch, Reisebericht, Praxiserfahrung, Insiderblick und Vogelperspektive, (ein) Kuriositätenkabinett mit Absurdem, Hahnebüchenem und Herzzerreißendem". Neben den erstarrten Abläufen in der Pastoral (z.B. Festhalten am 10-Uhr Sonntagsgottesdienst-Schema) ist es für ihn vor allem die Distanz zum täglichen Leben der Menschen, die den eklatanten Mitgliederschwund bzw. die ausbleibende Partizipation der Gläubigen zu verantworten hat. Eine Lösung wäre aus seiner Sicht ein selbstbewussteres Auftreten der Gemeindeleiter/-innen, eine authentischere (liturgische) Sprache und mehr Mut, den Glauben auf ungewohnte Art und Weise zu vermitteln (d.h. ihn wirklich zu "leben"). Das Buch spricht viele Probleme an, die auch in der Katholischen Kirche existieren, und ist insofern ein interessantes Vexierbild für kritische katholische Leser/-innen. Bei vielem ist jedoch die grundlegend andere Leitungsstruktur und das divergierende theologische Selbstverständnis der Evangelischen Kirche offensichtlich. Ein Buch für größere Bestände, vor allem mit ökumenischem Schwerpunkt.
Vanessa Görtz-Meiners
rezensiert für den Borromäusverein.
Glauben ja, Kirche nein?
Julian Sengelmann
Rowohlt Polaris (2020)
286 Seiten
kt.