Corpus Christi
Jerusalem, Ostern im Jahr 30: Auf der Suche nach dem verschwundenen Leichnam des Messias wartet Judas Thomas vor dem Gefängnis auf eine Frau, die im Grab des Gekreuzigten verhaftet wurde und von der er die Wahrheit zu erfahren hofft. Nach ihrer Freilassung
taucht er mit ihr, die zur Gruppe der Leichenräuber gehören soll, im Menschengewimmel unter, um sie zu befragen. Er führt mit dieser Tirza einen (imaginären) Dialog. Sie wirft ihm vor, dass er nur Teile sieht, nicht das Ganze, keine Zusammenhänge, sondern nur Absonderung des Toten vom Lebendigen. Er wolle das "Gemeinsame, durch das einzig Erinnerung kommt, vergessen". Allmählich führt sie ihn auf einen Weg der Verunsicherung, zeigt ihm, dass ihre Gemeinsamkeit in der Machtlosigkeit liegt, ermuntert ihn, den Messias "mit dem Leben, das er gab, auszuhalten", ihn jetzt und in sich selbst zu sehen. - Diese poetischen Gedankenspiele von der Macht des Glaubens über die Realität sind spannend komponiert und von großer sprachlicher Sensibilität. Ähnlich wie bei P. Roths Christusnovelle "Riverside" (dnb-BP 92/530) ist auch hier der Leser gezwungen, sich auf die Suchbewegung der das Thema umkreisenden, oft bewusst diffusen Gedanken einzulassen. - Für einen wohl kleinen, anspruchsvollen Leserkreis sehr empfohlen.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Corpus Christi
Patrick Roth
Suhrkamp (2012)
Suhrkamp Taschenbücher ; 3064
179 S.
kt.