Der Große Fall
"Der Schauspieler", aus dessen Perspektive erzählt wird, bricht früh am Morgen auf, verlässt das Landhaus "der Frau", die er nicht liebt, aber braucht, durchquert tiefen Wald, kämpft sich durchs Gestrüpp, überquert eine Lichtung, auf der es zu
seinem Entsetzen von "gewöhnlichsten" Menschen wimmelt. Er erreicht schließlich die Außenbezirke der großen Stadt und gelangt endlich am Abend in deren Zentrum, wo er wiederum "die Frau" trifft. "Der große Fall" ist eingetreten und man tut wohl gut daran, diese kafkaeske Chiffre nicht enträtseln zu wollen. Der Schauspieler ist in seinem nächsten Film für die Rolle des "Amokläufers" vorgesehen. Schauspiel und Amoklauf sind immerhin ein gewisser Schlüssel zum Verständnis dieses rätselhaften, ereignisarmen Romans. Der Schauspieler bewegt sich in einer Welt, die trotz Detailrealismus ständig ins Surreale changiert. Der Protagonist betrachtet diese Welt mit einem stets verstörten Blick, voller Staunen, voller Empathie, aber auch mitunter voller Weltekel und Abscheu, wie einer "der die Bitternis getrunken hat fast bis zur Neige" (S. 185). Er muss offenbar in einem Dasein existieren, für das er nicht geschaffen ist, und mit Menschen auskommen, die ihn verstören: "Die anderen, es gab sie - nur wehe sie träten auf." (S. 72) Inversionen, Ellipsen, hypotaktische Satzhäufungen und anderes, was die syntaktischen Strukturen verfremdet, eine höchst subtile, ja geschmäcklerische Semantik, dunkle Metaphern, eine berauschende Musikalität und vieles mehr trägt dazu bei, dass dem Leser Gewöhnliches ungewöhnlich, Vertrautes auf groteske Weise fremd und faszinierend, aber auch Banales gestelzt und preziös erscheint: " Der Leib der Frau ist die Herabkunft der Allgegenwart des Geistes in der Nacht." (S. 179). Ein echter Handke eben, der in seinem melancholischen Sprachkunstwerk seinen Protagonisten sagen lässt: "Er verachtete das Nachahmen und die Nachahmer" (S. 75)
Der Große Fall
Peter Handke
Suhrkamp (2011)
278 S.
fest geb.