Die niederländische Jungfrau
Der den Roman der niederländischen Autorin Marente de Moor (Jahrgang 1972) dominierende Konflikt entsteht aus der Konfrontation zweier Lebensphilosophien. "Du studierst, um Wunden zu heilen, ... ich werde sie wieder aufreißen." Während der 1914
in Amsterdam Medizin studierende Jacq sein Wissen dem Roten Kreuz zur Verfügung stellt und bei der Bergung und Behandlung Schwerverletzter hilft, beklagt der von ihm betreute, aus Königsberg stammende Egon von Bötticher das Ende seines Fronteinsatzes. Umso intensiver hofft er auf einen neuen "ordentlichen Krieg", der ihm die Chance gibt, seinen Heldenmut zu beweisen und sein verletztes Ehrgefühl zu rächen. Es ist die Zeit zwischen den Weltkriegen, die Marente de Moor zum einen aus der Sicht des frustrierten Fechtmeisters von Bötticher, zum anderen aus der Perspektive seines Dienstpersonals beschreibt. Wenn im Spätsommer 1936 die 18-jährige Tochter des mit ambivalenten Empfindungen bedachten Jacq auf dem bei Aachen gelegenen Landgut eintrifft, erteilt ihr "der Meister" nicht nur Fecht- sondern auch Liebes- und Lebensunterricht. Von der unprätentiös schreibenden Autorin als rückschauende Ich-Erzählerin eingeführt, erinnert sich Janna der vom Gutshaus, seinen Bewohnern und gelegentlichen Besuchern ausgehenden diffusen Bedrohung. Indem Marente de Moor in ihrem anspruchsvollen, Briefe, philosophische Gespräche mit Erzählpassagen vereinenden Roman auf einen begrenzten historischen Zeitraum Bezug nimmt, regt ihre empfehlenswerte Prosa an, sich der der geschichtlichen Zusammenhänge zu erinnern. (Übers.: Helga van Beuningen)
Kirsten Sturm
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die niederländische Jungfrau
Marente de Moor
Suhrkamp (2011)
337 S.
fest geb.