Aufkommender Atem

Auffallend ist schon die äußere Form dieser Gedichte. Fast immer sind sie mehr oder weniger von gleicher Länge. Acht Verse und - was selten geworden ist - sehr oft auch sich reimend. Aufhorchen lässt auch der Ton. Silesius, Rilke und Benn fallen Aufkommender Atem einem ein, wenn man diese Gedichte liest. "Ich hab geschlafen, ich war wach,/ ein langes Flügelschlagen./ Man hat gesucht nach mir, ganz schwach/ beginnt es blau zu tagen.// Der Tag ist eine hohe Wand./ Ich bin nicht dort, nicht hier./ Mich nahm der Nordwind bei der Hand,/ und keiner weiß von mir.//" Auch einen religiösen Unterton glaubt man in den Gedichten des Pfarrers aus Wittenberg wahrzunehmen, oft aber nur angedeutet in einem Zitat und fragend formuliert. "Erhebet eure Herzen! Alles drängt/ zu hören, zu vergessen, will mit allen/ Erbarmen, wenn die eigenen Echos hallen./ Daß er mir fehlt, ist, wie mich Gott bedrängt.//" Einmal in diese Gedichte eingelesen, ist man wie von einem Magneten gefangen. Manche Verse und Bilder erschließen sich dem Leser nicht beim der ersten Lektüre. Also liest man das Gedicht erneut und glaubt es dann besser zu verstehen oder man freut sich auch nur an der Schönheit der Sprache. "Woran soll ich mich halten in der Fülle/ aus Möglichem und des Geschehenen?/ Was ich auch immer glaube, ist die Hülle/ um etwas Unhaltbares - nie gesehen//. Christian Lehnert zeigt uns immer wieder die geschwisterliche Nähe von Gedichten und Gebeten.

Carl Wilhelm Macke

Carl Wilhelm Macke

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Aufkommender Atem

Aufkommender Atem

Christian Lehnert
Suhrkamp (2011)

98 S.
fest geb.

MedienNr.: 350067
ISBN 978-3-518-42273-1
9783518422731
ca. 17,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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