Das Verschwinden des Philip S.
Die Zeit der terroristischen Anschläge gegen Repräsentanten der Demokratie in den 70er und 80er Jahren des 20. Jh. ist zu einem Teil der westdeutschen Nachkriegsgeschichte geworden. Zur Geschichte der 'Roten Armee Fraktion' und ihres 'Sympathisantenumfeldes'
existiert inzwischen eine unüberschaubare Zahl an Studien, journalistischen Reportagen und persönliche Erinnerungen. Dazu muss man auch den Roman von Ulrike Edschmid rechnen, der sich aber sehr positiv von vielen ähnlichen persönlichen Erinnerungen unterscheidet. Jahrzehnte nach ihrer damals engen Freundschaft mit einem später bei einem Feuergefecht mit der Polizei getöteten Terroristen versucht die Autorin so gut und so präzise wie möglich, jenen Philip S. zu porträtieren. Dabei geht es ihr nicht um eine nachträgliche Entschuldigung oder Verharmlosung von dessen Taten. Sie versucht das Familien- und später dann Freundesumfeld von Philip S. so genau zu zeichnen, wie es nach Jahrzehnten noch möglich ist. Dabei lässt sie auch ihre eigene Rolle in diesem Beziehungsnetz nicht aus. Sympathie für den Täter und dessen Motivationen, den Tod von Unschuldigen zur Durchsetzung seiner Ideen zu billigen, kommen nach der Lektüre des Buches nicht auf. Aber man kommt den biografischen Wurzeln dieser wahnhaften Ideen näher, von denen sich junge Menschen aus oft sehr vermögenden Elternhäusern - wie bei Philip S. - zu ihren verbrecherischen Taten anstiften ließen. Insofern durchaus lesenswert.
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Das Verschwinden des Philip S.
Ulrike Edschmid
Suhrkamp (2013)
156 S.
fest geb.