Wiesengrund
Heimlich, verborgen unter einer dicken Bettdecke, hört Hanna Werbezirk zu mitternächtlicher Stunde regelmäßig im Radio das Nachtstudio. Mit "Anspannung und Gier" (S. 16) verfolgt sie die Ausführungen eines gewissen Wiesengrund aus Frankfurt, der
über Musik und Philosophie referiert. Und es handelt sich um niemand anderen als um Theodor W. Adorno, den berühmten Musikwissenschaftler, Soziologen und Philosophen der Frankfurter Schule. Ihr Vater, ein bekannter Salzburger Astrophysiker, darf nichts von ihren nächtlichen Eskapaden wissen, macht er sich doch Sorgen, ob seine "depperte Tochter" (S. 11) die Matura schafft. Aber dies ist eine unnötige Sorge, denn einige Jahre später sitzt Hanna im Hörsaal zu Füßen des "Zauberers", den freilich die revolutionsbegeisterten Studenten der 68er Jahre für einen "Schwärmer und schläfrigen Idealisten" (S. 250) halten, während Adorno sie seinerseits "unaufgeklärte Phantasten" ( S. 250) nennt. In diesem bewegten, gesellschaftspolitisch brisanten Milieu spielt dieser vordergründig erstaunlich unpolitische Roman der Adorno-Schülerin, den man ein wenig als ironische Abrechnung mit dem Geist der Zeit, aber vor allem als sprachlich überaus ambitionierte Hommage an ihren Säulenheiligen lesen muss. Dies schließt eine liebevolle Kritik am Menschlich-Allzumenschlichen ihres verehrten Lehrers nicht aus. Von den zum Teil ins Hermetische abgleitenden Passagen heben sich unvermittelt erfrischend lebendig erzählte Episoden ab, etwa bei der süffisanten Charakterisierung von Mitbewohnern. Vor allem für kultur- und zeitgeschichtlich interessierte Leser/innen.
Wiesengrund
Gisela von Wysocki
Suhrkamp (2016)
265 S.
fest geb.