Ich stelle mich schlafend
Sätze wie "Yasemin war aus einem gebrochenen Willen gezeugt worden" (S. 20) oder "Es gab keine Unschuld, die Yasemin hätte verlieren können" (S. 124) kennzeichnen den Text der 36-jährigen Autorin. Die Geburt der Hauptperson: ein Trunkenheitsergebnis,
ihre Kindheit und Jugend in einer deutschen Hochhaussiedlung: geprägt vom Missverständnis ihrer Eltern, ihre erste Liebe zum Nachbarsjungen Vito: durchzogen von Irrungen und Wirrungen. Das berufliche Leben als Verwaltungsangestellte bei Kaufhof endet wie das nicht mehr zeitgemäße Warenhausgeschäftsmodell. Mit mystischen sowie traditionell christlichen Handlungen und Symbolen versucht Yasemin immer wieder gegen das durch ihre Herkunft angelegte Sein auszubrechen. Für zehn Jahre gelingt es ihr mit Herrmann: sie findet Ruhe, lernt sich anzunehmen. Doch die Wiederbegegnung mit Vito, einem inzwischen dunklen, destruktiven Einzelgänger, wirft sie zurück. Ähnlich wie in ihrem Körper, von Geburt an von Skoliose geschädigt, fühlt sie sich fremd in dieser Welt. Die Gewalt, die ihr angetan wird, meint sie um der Männer willen, annehmen zu sollen. – Deniz Ohde legt einen grüblerischen, dunklen Roman über eine junge Frau vor, die es schlecht angetroffen hat. Die Autorin zeichnet differenziert, und hochreflektiert ein Leben auf der Verliererinnenstraße nach. Lesenswert.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Ich stelle mich schlafend
Deniz Ohde
Suhrkamp (2024)
248 Seiten
fest geb.