Ins Dunkel
Angela Steidele spielt in diesem Roman mit unserer Wahrnehmung. Im gleichen Moment, in dem wir das Buch aufschlagen, nehmen wir in einem verdunkelten Kinosaal Platz und die Handlung läuft auf einer Leinwand vor uns ab. Es ist ein komplizierter Film,
den wir zu sehen bekommen. Wir steigen tief ein in die Geschichte des Lichtspieltheaters, in die Welt der Stars des vergangenen Jahrhunderts, an der Schwelle vom Stummfilm zum Tonfilm und weit darüber hinaus. Der Film springt häufig zwischen verschiedenen Zeiten und Orten hin und her. Mal befinden wir uns 1924 in Berlin, dann 1932 in Los Angeles, 1969 in der Schweiz oder in den Dreißigern in Paris oder München. Die Hauptprotagonistinnen sind berühmte Frauen der Kunstszene dieser Zeit: Greta Garbo, Marlene Dietrich, Erika Mann. Es geht um deren Beziehungen untereinander, ihre gegenseitigen Berührungspunkte, ihre Positionen als Frauen in einer von Männern dominierten Szene und um ein neu aufkeimendes weibliches Selbstbewusstsein in politisch unruhigen Zeiten. Steidele orientiert sich an realen Tatsachen und Ereignissen, entwirft die Personen jedoch gleichzeitig in einzelnen Facetten und Gegebenheiten neu und trifft sie als fiktive Besucherin ihres eigenen Romans auch mehrmals persönlich. Der Roman ist analog zu einem Kinofilm hauptsächlich aus Dialogen bzw. Unterhaltungen aufgebaut, die durch Szenenbeschreibungen ergänzt werden. Das zugrundeliegende Thema ist historisch interessant und es wurde, was Handwerk und Recherche betrifft, mit großer Akribie gearbeitet. Für den Leser ohne persönliche Vorkenntnisse zu den porträtierten Personen und zur Filmgeschichte ist es jedoch schwierig, dem Plot zu folgen. Die konsequente Formulierung in Filmsprache macht es zusätzlich schwierig, in einen Lesefluss zu gelangen. Anspruchsvolle Literatur für ein speziell interessiertes Publikum.
Elisabeth Brendel
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Ins Dunkel
Angela Steidele
Suhrkamp (2025)
354 Seiten
fest geb.