Nelka
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs macht sich die Ukrainerin Nelka auf den Weg nach Norddeutschland, dorthin, wo sie im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeit leisten musste. Mit Sorge erwartet Marten, der ehemalige Gutsverwalter ihre Ankunft, nicht wissend,
in welcher Absicht Nelka nach 50 Jahren zurückkehrt. 1941 wurde das 16-jährige Mädchen aus Lemberg verschleppt und mit vielen anderen Frauen zu unmenschlich harter Arbeit auf einem deutschen Gutshof gezwungen. Schnell wirft Marten ein Auge auf Nelka, sie ist hübsch, spricht deutsch und kennt sich bestens auf dem Gebiet des Obstbaus aus, eine Geschäftsidee, die er für die Zeit nach dem Krieg ins Auge fasst. Unter den misstrauischen Augen seiner Frau entwickelt sich ein perfides Szenario von Machtmissbrauch, sexueller Nötigung und Vergünstigungen, das Nelka keinen Spielraum zur Gegenwehr lässt. Eine Zwangslage, die nicht nur im Moment, sondern auch noch nach der Flucht der Verwalterfamilie bei Kriegsende ihre Auswirkungen zeigt. – Svenja Leiber ruft mit den Erinnerungen der beiden Protagonisten das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte ins Gedächtnis. Dabei entlarvt sich Marten als Mitläufer der übelsten Sorte, der sich mit seiner vermeintlichen „Liebe“ zu Nelka rechtfertigt. Nelka hingegen überlebt dank ihrer großen Resilienz und der Güte der Gutsköchin. Mit klarer Sprache beschreibt die Autorin das wortlose Kammerspiel zwischen Nelka und Marten, macht die brutale Situation der Zwangsarbeiterinnen deutlich und beschreibt mit einer herzzerreißenden Zärtlichkeit die Verbundenheit der versklavten Frauen. Ein wichtiges, unverzichtbares Buch gegen das Vergessen.
Susanne Steufmehl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Nelka
Svenja Leiber
Suhrkamp (2026)
204 Seiten
fest geb.