Brandung
Eine namenlose Synchronsprecherin, die mit ihrem Mann in Paris lebt, erhält einen Anruf von der Polizei. In Le Havre sei am Strand eine nicht identifizierte männliche Leiche gefunden worden. Man wolle sie dazu befragen. Am nächsten Tag reist die
Ich-Erzählerin mit dem Zug an die Küste. Le Havre ist ihre Heimatstadt, seit Jahren ist sie nicht mehr dort gewesen. Der Tote hat eine Kinokarte in der Hosentasche, auf der ihre Telefonnummer notiert ist. Was wie ein Kriminalfall beginnt, entzieht sich schnell den Genreerwartungen. Die Frau erinnert sich an ihre Kindheit und Jugend. Vor dem Abitur hat sie mit einer Freundin für eine Projektarbeit eine Überlebende des Luftangriffs der Alliierten im Zweiten Weltkrieg interviewt. Beide Mädchen hat die Begegnung nachhaltig erschüttert. Nahezu die gesamte Stadt wurde durch Phosphorbomben zerstört. Die neue Stadt ist auf den Trümmern der alten aufgebaut. Parallel zu den Schuttschichten der Stadt beginnt die Frau nach ihrer Vergangenheit zu graben. Sie erinnert sich an ihre Jugendliebe Craven, in den sie sich mit 16 Jahren verliebt hat. Während er zur See fährt, wartet sie den ganzen Sommer vergeblich auf Nachricht von ihm. – Maylis de Kerangal erzählt von trügerischer Erinnerung, die den Blick auf die Gegenwart beeinflusst. Das Tosen des Meeres bildet die Hintergrundmusik dieses psychologischen Romans.
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Brandung
Maylis de Kerangal ; aus dem Französischen von Andrea Spingler
Suhrkamp (2026)
237 Seiten
fest geb.