Anton und Alma

Nach einem Berliner Studentenfest bleiben Alma und Anton, beide Mitte 20, zusammen, nachdem sie sich bereits seit Schülerjahren kennen. Er kann sich, einer wohlhabenden jüdischen Familie mit Großeltern in den USA und Israel angehörend, ein ergebnisoffenes Anton und Alma Studieren leisten und wird Historiker, „um den Ereignissen einen Sinn abzuringen“. Sie entstammt einer Ostberliner Arbeiterfamilie, entfernt verwandt mit dem Nazi Martin Bormann, findet nach ihrem Bachelorabschluss eine Stelle als Verwaltungsmitarbeiterin an der Uni. Ihre von exzessiv gelebter Sexualität und der jüdisch deutschen Auseinandersetzung dominierte Beziehung stößt immer wieder an Grenzen, potenziert durch den Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019, die Coronapandemie, den Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Er flieht aus der Nähe unter dem Vorwand, seine Studien in den USA fortzusetzen, hält die Entfernung nicht aus und schlägt Hals über Kopf wieder bei ihr in der gemeinsamen Wohnung auf. Sie erzählt ihm nicht, dass sie während der Trennung seine liberale jüdische Community in Berlin als Heimat schätzen gelernt und einen Konversionskurs zum Judentum begonnen hat. Die gegenseitigen Vertrauensverletzungen sind ihnen bewusst und sie stehen beide kurz vor der Versöhnung. Da wird Alma während eines Gottesdienstes in der Synagoge Opfer eines Attentäters, stirbt, Anton bleibt mit allen Fragen, trotz zahlreichem Beistand aus seiner und Almas Familie untröstlich zurück. – Vowinckel gelingt ein aufregend-anregender Roman über die Fragen jüdischer Existenz in Vergangenheit und Gegenwart mit intensiven Milieuschilderungen. Sie beschreibt die deutsche wie auch die US-amerikanische Lebenssicht der Shoa-Überlebenden. Ob die langen Schilderungen ihres Sexuallebens ein Sinnbild für die Sehnsucht nach Versöhnung oder ein Versuch sind, jüngere LeserInnen entsprechend ihres Onlinenutzungsverhalten an die Lektüre zu binden, erschließt sich nicht wirklich. – Literarisch anspruchsvoll, gerne empfohlen. (Nominiert für den Deutschen Buchpreis)

Agnes Schmidtner

Agnes Schmidtner

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Anton und Alma

Anton und Alma

Dana Vowinckel
Suhrkamp (2026)

534 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 627074
ISBN 978-3-518-43297-6
9783518432976
ca. 26,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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