Die feindliche Zeugin
In einem Park in London wird tagsüber ein weißer Krankenpfleger erstochen. Es gibt einige Zeugen, die den jungen Farbigen Emmett Hamilton als Täter ausgemacht haben. Rosa Higgins ist Anwältin und wird von ihrer Kanzlei beauftragt, die Verteidigung
des Angeklagten zu übernehmen. Rosa ist schwarz und das mag auch ein Grund für den Auftrag sein. Und es sind da wohl keine großen Meriten zu erlangen, da der Fall klar und eindeutig zu sein scheint. Doch abgesehen von den Unschuldsbeteuerungen des Angeklagten gibt es Hinweise, dass der Tathergang nicht ganz so war, wie es vor allem eine Frau darstellt, die sich als Hauptbelastungszeugin erweist. Und es stellt sich im Verlauf des Prozesses heraus, dass sich die Zeugin und der getötete Krankenpfleger kannten. Als Rosa dann noch eine Frau ausfindig macht, die ein wesentliches Detail zugunsten Emmetts zu sagen wüsste, sieht die Anwältin gute Chancen, dem Prozess eine Wendung zu geben, trotz der ausschließlich aus Weißen bestehenden Jury. Doch diese Zeugin will nicht vor Gericht aussagen; sie ist illegal im Land und fürchtet ausgewiesen zu werden ... – Eine sehr spannende Geschichte, die im Detail aufzeigt, wie in England derlei Prozesse ablaufen. Der Rassismus wird immer wieder konkret thematisiert; auch die Anwältin ist vor derlei Anwürfen nicht immer gefeit. Was etwas störend ist: Sehr oft und viel wird über Garderobe, auch in Sachen Gerichtskleidung, Talar und Perücke, über Essgewohnheiten und die prekäre Familiensituation – Vater unbekannt, Mutter im Gefängnis, Großmutter stirbt – der Protagonistin berichtet. Insofern ist die Geschichte auch ein Bericht über soziale Verhältnisse in London. Aber insgesamt ist das ein Buch, das gut lesbar und bestens einsetzbar ist.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die feindliche Zeugin
Alexandra Wilson ; aus dem Englischen von Karin Diemerling
Suhrkamp (2025)
363 Seiten
kt.