Über Sünde, Glaube und Religion
Das von Thomas Nagel herausgegebene und (zusammen mit Joshua Cohen) hervorragend eingeleitete Buch enthält zwei fast vergessene Schriften von John Rawls und ist eine wirkliche Entdeckung. Denn es legt die religiösen Wurzeln dieses Altmeisters der
liberalen politischen Philosophie offen. Die Abhandlung "Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube" stellt Rawls' 1942 verfasste Abschlussarbeit in Princeton dar, in der er sich zu einer rein personalistisch fundierten Ethik und Gesellschaftstheorie bekennt, die jenseits aller objektivierenden Momente nach der fairen Kooperation innerhalb von Ich-Du-Beziehung fragt. Religiös ist dieser Ansatz, weil er Gott als personales Gegenüber einbezieht, die Sünde als eine egozentrische Zerstörung von Gemeinschaft und Individuum deutet und den Glauben als Offenheit gegenüber Personen, als Integration des Ich in ein Gott mitumfassendes Wir definiert, ohne inneren Bezug auf eine Glaubenslehre. Rechenschaft über den plötzlichen Verlust seiner christlichen Bindung gibt Rawls in dem kurzen Beitrag "Über meine Religion" (1997), worin er tragische Kriegserfahrungen und den Holocaust dafür verantwortlich macht. Fehlte diesem Glauben aber nicht doch das Objektivierende, das die Heils-Wirklichkeit den im Lebensgeschick verdunkelten Glaubensbeziehungen hätte erhellend entgegenstellen können? - Dieses Buch ist eminent wichtig, um die Genese des modernen Säkularismus zu verstehen. Größeren Beständen sehr empfohlen.
Richard Niedermeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Über Sünde, Glaube und Religion
John Rawls
Suhrkamp (2010)
342 S.
fest geb.