Allein im Wald
Auf der ersten Seite des Bilderbuchs sieht man ein aufgepicktes Ei. Wer da gerade in die Welt geschlüpft ist, zeigt die folgende Sequenz: eine kleine, weiß gefiederte Eule mit großen, schwarzen Knopfaugen schaut dem Betrachter direkt ins Gesicht.
Der Blick ist fragend, ängstlich, aber auch entschlossen. "Allein" in einem grünen, ungeheuer großen Farbfeld, das die gesamte folgende Doppelseite einnimmt, steht die kleine, noch etwas verloren wirkende, Eule als kleiner, heller Farbtupfer im Nirgendwo. Dieses Grün entpuppt sich auf der nächsten Seite als ein Wald mit vielen Bäumen. Spürbar wärmend dringen zarte Sonnenstrahlen durch die Baumstämme und werfen ihr Licht auf das Eulenkind. Im Abendrot aber verfärbt sich die Baumlandschaft zu düsteren Farbspielungen, die bedrohlich wirkenden Schatten lassen die Fantasie böse Ahnungen produzieren und die einsame, kleine Eule schaut ängstlich hinter einem Baumstamm hervor. Am nächsten Tag aber, als der Wald wieder hell und grün strahlt, balanciert die Eule mutig auf einem Baumstumpf, fühlt sich groß und stark, wenn die Sonne große Schatten wirft und findet sich schön, wenn sie ihr Spiegelbild im Wasser betrachtet. So erkundet und entdeckt die Eule den Wald und seine verschiedenen Gesichter. - Ein "leises" Bilderbuch, das Kinder stark macht und hilft, groß zu werden und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Bezaubernd, wie man mit einem Minimum an Text und genial gemalten Bildschöpfungen eine so leise, aber auch ausdrucksstarke Geschichte fast nur in Bildern erzählen kann. Die oft monochromen Farbfelder sind mit ungemein fein nuancierter Pinselführung aufs Papier gezaubert und nur ein sehr anrührend gezeichnetes Eulenkind darf in diesen wunderbaren Licht modulierenden Farbräumen agieren. Sehr zu empfehlen!
Margit Pongratz-Luttner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Allein im Wald
von Anja Tuckermann. Mit Bildern von Daniela Chudzinski
Thienemann (2012)
[14] Bl. : überw. Ill. (farb.)
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 4