Franz von Assisi
Jedes Zeitalter neigt dazu, sich seinen Franz von Assisi zurechtzufeilen. Manchen Romantikern war er ein früher Pantheist, reformerischen Gesinnten einer der ihren, als Mahner vor Kleriker-Kasten und vielen Suchenden unserer Zeit ein Vordenker der
Ökologie. Wer die Figur des historischen Franziskus unter dem Glitter der Projektionen freilegen will, muss mit kritischer Distanz vorgehen. Genau diese Restaurierungsarbeit unternimmt der forschende Theologe Volker Leppin. Mittels nüchterner Quellenkritik verortet er den Heiligen im Gefüge seiner Epoche, der vibrierenden städtischen Kaufmannskultur Umbriens um die Wende zum 13. Jh. Was Leppins Darstellung auszeichnet, ist die nüchterne Eleganz, mit der er wohlmeinende Überlieferung von nachweisbarer Substanz trennt. Populäres wie der Sonnengesang oder die Vogelpredigt werden in ihren metaphorischen und zeithistorischen Gehalt eingeordnet. Leppin verdeutlicht zudem, wie Franziskus zeit seines Lebens auf einem schmalen Grat zwischen radikaler Wörtlichkeit des Evangeliums und dem Gehorsam gegenüber der päpstlichen Hierarchie oszillierte, was später zur Zerreißprobe seines Ordens werden sollte. Das Buch mutet seinen Lesern die Fremdheit des Hochmittelalters zu, und lässt dabei doch den franziskanischen Geist sprühen. Das Ergebnis ist eine dicht geratene Lebensbeschreibung, die die Bedeutung des Heiligen Franziskus, als Person und zusammen mit seiner Glaubenswelt, wirklichkeitsnah fassbar macht. Theologisch erhellend, literarisch brillant erzählt. Das Werk bereichert alle Bestände.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Franz von Assisi
Volker Leppin
wbgTheiss (2026)
368 Seiten : Illustrationen, Karte
fest geb.