Gottesspuren
Volker Leppin, Professor für Historische Theologie an der Yale University mit Schwerpunkt Mittelalter, Renaissance und Aufklärung legt mit diesem neuen Werk sein „Opus magnum“ vor. Er schildert, wie sich die Europäer vor der Entgöttlichung
(Entzauberung) ihrer Welt das aktive Wirken Gottes vergegenwärtigten. Die ausgesuchten Aspekte wie Zeit, Natur, Mensch oder Schrift spiegeln Leppins Neigungen wider, ohne Vollständigkeit zu beanspruchen. Ihm geht es um die einstige Reflexion des Glaubens in Alltagsphänomenen. Dadurch baut der Autor Brücken, um traditionelle Kirchlichkeit einer zuweilen diffusen, modernen Spiritualität näherzubringen. Leppin will Gottes Spuren in der Vorstellungswelt der Vormoderne aufzeigen, um jahrhundertelang tragfähige Erfahrungsräume den seelisch Bedürftigen von heute anzubieten. Sprachlich elegant, kunstfertig in zusammenhängende, dabei nie ermüdende Kapitel gegliedert macht Leppin sein Werk einer breiten Leserschaft zugänglich. Er vermeidet allzu enge konfessionelle oder gar dogmatische Positionen; lieber integriert er verschiedene religiöse und zuweilen auch kulturphilosophische Perspektiven. Wer mag, kann dies dem Werk als Indifferenz ankreiden. Aber gerade dieses Element wirkt ungemein erhellend: Scheinbar auserzählte Themen wie beispielsweise die Bedeutung von Reliquien und Heiligen im Protestantismus werden aus überraschenden Blickwinkeln neu ausgeleuchtet. Was selbst den „religiös Unmusikalischen“ unter den Lesern Gewinn bringen dürfte, sind Leppins Ausflüge in die Kultur- und Sozialgeschichte doch immer mit der Leichtigkeit des wahren Experten eingewoben. Ein hellglänzendes Werk, das den Bestand zur Glaubensliteratur in jeder Bücherei bereichert.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Gottesspuren
Volker Leppin
Herder (2026)
624, [32] Seiten : Illustrationen (farbig)
fest geb.