Schnitt
Dieser Psychothriller ist handwerklich sehr gelungen: Gabriel erlebt als Kind eine furchtbare Bluttat, bei der die Eltern getötet werden, an die er sich durch partielle Amnesie aber nicht erinnern kann. Er wird von Flashbacks gequält, durchläuft
20 Jahre Psychiatrie, ist dissozial und isoliert. Mit 29 Jahren, endlich, scheint sein Leben ins Lot zu kommen. Doch dann verschwindet seine schwangere Freundin, er gerät unter Mordverdacht, niemand glaubt ihm, die Situation ist ausweglos, ein Unbekannter aus der dunklen Vergangenheit - offensichtlich monströs pervers und gestört - bedroht ihn. Ein klassischer Thriller-Plot mit vertrauten Motiven, atemlos und in niemals zufriedenstellenden Häppchen dargeboten. Doch das Ausmaß der dargestellten Gewalt, vielfach sexualisiert, ist unerträglich und abstoßend. Kostprobe: "Das aufgeschlitzte Geschlecht, die offene Bauchhöhle, die herausquellenden Innereien, der See aus Blut auf den abgeschlagenen Küchenfliesen". Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich so etwas anzutun; der Leser wird zum Voyeur degradiert. Für eine katholische Bücherei im Besonderen völlig untragbar.
Birgit Karnbach
rezensiert für den Borromäusverein.
Schnitt
Marc Raabe
Ullstein (2012)
447 S.
kt.