Was gut ist und was böse
In diesem interessanten Buch versucht der Germanist Kai Sina deutlich zu machen, dass sich zu Thomas Manns (1875-1955) unbestrittener Brillanz als Schriftsteller auch ein konkretes und überzeugt gelebtes politisches Engagement gesellte. Diesen bis
heute kaum beachteten Einsatz stellt nun der Autor in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Dabei arbeitet er zwei grundlegende Aspekte heraus: zum einen Manns schon vor dem Ersten Weltkrieg sichtbare linksliberale demokratische Haltung, die er als Intellektueller in Debatten bzw. Veröffentlichungen offenlegte, und zum anderen sein kontinuierliches Engagement für den Zionismus, zu dem er durch eine Palästina-Reise (1925) sowie intensive Studien zu seiner Roman-Trilogie "Joseph und seine Brüder" motiviert wurde. War Mann anfangs noch nicht von der Idee eines eigenen jüdischen Staates überzeugt, setzte er sich, nachdem er im Exil in den USA (ab 1938) Kenntnis von der brutalen Verfolgung und millionenfachen Ermordung der jüdischen Bevölkerung erlangt hatte, vehement für die Gründung eines jüdischen Staates ein. Dieses aktive Eintreten für demokratische Verhältnisse und gegen das NS-Regime sowie für zionistische Programme und Projekte fand in aller Öffentlichkeit statt und erreichte durch die damals vorhandenen medialen Möglichkeiten ein breites Publikum (Interviews, Reden, Rundfunkbeiträge, Zeitungsartikel, Rundreisen). Seine Rückkehr nach Europa (Schweiz 1952) brachte ein Aufflammen von widersprüchlichen und verletzenden Stellungnahmen, Enttäuschungen und Unverständnis. Am Ende des Buches mahnt Sina, Politik nicht bloß "zu erleiden, sondern sie sich – im Großen wie im Kleinen – zur eigenen Sache zu machen". – Empfehlenswert für Bestände mit entsprechend interessiertem Leserkreis!
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Was gut ist und was böse
Kai Sina
Propyläen (2024)
295 Seiten : Illustrationen
fest geb.