People gone mad
Ist geistige Verwirrtheit ansteckend, kann sie gar ganze Völker erfassen? Und falls ja, welche Dynamiken löst sie aus? Diese Fragen geht Moshe Zimmermann als Geschichtswissenschaftler nach; Soziologie und Psychologie blendet er bewusst aus. Dazu
schildert der Autor anhand von vier historischen Fällen, wie Demokratien (zumindest galten sie nach den Standards ihrer Zeit als solche) „aus den Fugen“ geraten sind. Frankreich in der Dreyfus-Affäre, die Weimarer Republik, der Antikommunismus in den USA und die aktuelle Situation in Israel unter dem Premier Netanjahu. Die Quintessenz lautet: Es sind die Populisten von rechts, die den „people gone mad“-Modus herbeiführen. Ihnen gilt es, rechtzeitig Grenzen zu setzen. Der Autor leitet ab, warum sich Mehrheiten manchmal aktiv gegen ihre eigenen Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Solidarität entscheiden. Dadurch erhält der Leser ein grobes Raster für die Früherkennung demokratieschädlichen Agierens. Im Falle Israels wird aufgezeigt, wie der Zionismus in Teilen autoritär umgedeutet und für eine aggressive Politik dienstbar gemacht wird. – Trotz des Anspruchs, das Thema historisch-wissenschaftlich aufzuarbeiten, hat das Buch eindeutig den Charakter eines Manifests mit linksliberaler Grundhaltung. Wer als Leser diese Vorzeichen einzuordnen vermag, erhält ein engagiertes Plädoyer für die Wachsamkeit in der Demokratie gegenüber den Kampagnen der politischen Ränder. Für alle Bestände geeignet.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
People gone mad
Moshe Zimmermann
Propyläen (2026)
286 Seiten
fest geb.