Die Landkarte der Finsternis
Um den Schock des Freitodes seiner geliebten jungen Frau zu überwinden, begibt sich der deutsche Arzt Kurt Krausmann mit einem Freund auf einen Segeltörn rund um Afrika. Am Horn von Afrika fallen sie Piraten in die Hände und bleiben nur am Leben,
wenn auch unter größten Demütigungen und Qualen, weil sie als Geiseln verkauft werden sollen. Was dem Ich-Erzähler in diesen Monaten vonseiten seiner afrikanischen Kidnapper widerfährt, lässt ihn an der menschlichen Natur verzweifeln. Und dennoch kehrt er am Ende nach seiner mehr als glücklichen Befreiung wieder zurück, nicht nur wegen einer jungen Ärztin, die im Dienste des Internationalen Roten Kreuzes am Aufbau eines Flüchtlingscamps arbeitet, sondern auch weil von diesem Kontinent ein existentieller Sog ausgeht, der dem nach all den Schicksalsschlägen völlig wurzellosen Mann eine neue Perspektive eröffnet. - Es geht dem mehrfach preisgekrönten algerisch-französischen Autor vor allem um ein Psychogramm Afrikas, dieses unergründlichen, vom Kolonialismus und seinen Folgen zerrissenen, aber auch vitalen Kontinents mit seinen lebenshungrigen und dennoch zum bloßen Vegetieren verurteilten Menschen. Barbarei und höchste Mitmenschlichkeit finden sich nahe beieinander, oft in einer Person. Für all das steht symbolhaft der afrikanische Warlord Joma, der einst einer der größten und sensibelsten Dichter Afrikas war. Eine auf dramatische Weise gebrochene Figur also, die trotz allem der westlichen Selbstgewissheit und moralischen Überhebung einen Stoß verleiht. Dieser faszinierend lebendig geschriebene, oft zu grundsätzlichen existentiellen Fragen vorstoßende Abenteuerroman, der sich vor allem durch die unglaublich intensive Vergegenwärtigung von psychischen Zuständen auszeichnet, ist von Regina Keil-Sagawe hervorragend ins Deutsche übersetzt. Empfehlenswert!
Die Landkarte der Finsternis
Yasmina Khadra
Ullstein (2013)
331 S.
fest geb.