Wahlheimat
Die in Istanbul geborene, in Berlin aufgewachsene, vorbildlich integrierte deutsche Autorin kurdisch-türkischer Abstammung, hat sich als Anwältin und Autorin großen Respekt (u.a. Bundesverdienstkreuz), aber auch jede Menge Feinde erworben. In ihrem
eingängig geschriebenen, sehr persönlich gehaltenen und überaus engagierten Plädoyer greift sie Themen ihrer früheren Veröffentlichungen wieder auf ("Multikulti-Irrtum", Rechte der Frauen in islamischen Gesellschaften, mangelnde Integration von Migranten, Islam und Demokratie ...). Das zentrale Anliegen dieses Buches ist es jedoch, dem tradierten Nationalbegriff, der seine Bindungswirkung aus einer (vermeintlichen) gemeinsamen Abstammung bezieht - daher der Begriff Vaterland -, ein tragfähiges, zeitgemäßes Konzept entgegenzustellen, nämlich den sog. "Verfassungspatriotismus" (Dolf Sternberger 1959), der es den "Urdeutschen" ebenso wie Menschen mit Migrationshintergrund (derzeit ca. 20% der deutschen Bevölkerung) erlauben würde, in einer multikulturellen postnationalen Gesellschaft Identität, Wir- und Heimatgefühl zu entwickeln. Ziel sei keine homogene Gesellschaft, sondern die Zustimmung zu der an den universellen Menschenrechten orientierten freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Dieser unabdingbare Paradigmenwechsel setzt freilich nicht nur Integrationsbereitschaft der Neuankömmlinge voraus, sondern auch die Bereitschaft der deutschen Politik und Gesellschaft, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen. Beides erscheint gegenwärtig noch schwer genug. - Ein nützliches Buch, das eine mittlerweile geläufige These mit vielen interessanten Argumenten und persönlichen Eindrücken unterfüttert.
Wahlheimat
Seyran Ates
Ullstein (2013)
172 S.
fest geb.