Lieber Matz, Dein Papa hat'ne Meise
Sebastian Schlösser bewegt sich auf einem dünnen Seil durch sein Leben. Wenn er fällt, lauert auf der einen Seite die Höhe der Manie und auf der anderen Seite die Tiefe der Depression. Der Autor leidet an einer bipolaren Störung. In seinen Briefen,
die er an seinen Sohn Matz schreibt, berichtet er von seiner ersten starken manischen Phase, die er als junger aufstrebender Theaterregisseur erleidet, von der darauf folgenden Behandlung in einer psychiatrischen Klinik, von der auf die manische Phase folgenden Depression und seinen ersten Schritten zurück in ein stabiles Leben. Auch wenn Schlössers Briefe an ein Kind adressiert sind (sein Sohn ist zur Zeit seiner Erkrankung eineinhalb Jahre alt) und er viele kindgerechte Formulierungen, Vergleiche und Bilder benutzt, so handelt es sich hier jedoch nicht um einen Text, den Kinder begreifen und verarbeiten könnten. Denn in aller Offenheit gibt der Autor Einblick in sein Innenleben während der Krankheit und erzählt von den Verrücktheiten, den unglaublichen Höhen und Tiefen in seinem Denken und Handeln während seiner manischen und depressiven Phasen. Später einmal, wenn sein Sohn älter geworden ist, sollen diese Briefe für ihn da sein, um das Geschehene nachvollziehbar und verständlich zu machen. Bis dahin findet Sebastian Schlössers Buch hoffentlich viele Leser, die durch die Lektüre einen sehr direkten und persönlichen Einblick in das Leben mit und das Erleben von psychischer Krankheit erhalten. - Sicherlich keine einfache Lektüre und trotzdem, oder gerade deshalb, für alle Bestände sehr zu empfehlen.
Heike Schocke
rezensiert für den Borromäusverein.
Lieber Matz, Dein Papa hat'ne Meise
Sebastian Schlösser
Ullstein (2011)
237 S.
fest geb.