Lebensbilder
Dieser Band vereint die Geschichten verschiedener jüdischer Familien in Amerika während des letzten Jahrhunderts. Der berühmte Comic-Zeichner ist selbst Jude und deckt schonungslos kleine und große Schwächen seiner Gesellschaft auf: Standesdünkel,
übertriebener Familiensinn, Gier in jeder Form und Heirat aus familienpolitischen Erwägungen. Daneben zeigt er immer wieder antisemitische Anfeindungen, auch in den USA, und den Überlebenskampf in einer gnadenlos kapitalistischen Gesellschaft. Bevor die Geschichten in eine bösartige Abrechnung mit seinen Glaubensgenossen abgleiten, porträtiert der Künstler auch die sanften Träumer und die Idealisten. Mehr als durch seitenlange Texte versteht er es mit wenigen Strichen seine Protagonisten zu charakterisieren. Er lässt sie auch grafisch altern und spiegelt ihren Lebensstil in den zunehmenden Falten der Gesichter. Allein wegen der zeichnerischen Meisterleistung lohnt sich das Lesen dieses Bandes. Die scharf pointierte Kritik an Standesdünkel, Gier und Dekadenz lässt sich ohne Abstriche auf jede andere Gesellschaft übertragen und sollte auch Nicht-Juden zum Überdenken des eigenen Lebensstils anregen. Unbedingt empfehlenswert für kritische Leser, auch wegen der künstlerischen Leistung des Begründers der modernen Graphic Novel. Wegen des hohen Anschaffungspreises eher für größere Bestände.
Lotte Schüler
rezensiert für den Borromäusverein.
Lebensbilder
Will Eisner
Carlsen (2011)
Graphic Novel
475 S. : überw. Ill.
fest geb.