Mein Freund Rilke
Zum 150. Geburtstag Rainer Maria Rilkes lässt Melanie Garanin Rilke in einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte "auferstehen". Die Kulturjournalistin Ellen recherchiert für eine Reportage über Rilke, zu dem sie keinen wirklichen Zugang hat. Sie startet
ihre Suche nach mehr Informationen über sein Leben und Wirken in Worpswede, wo ein Festakt zu seinen Ehren stattfindet. Hier erfährt sie nicht nur etwas über zwei bedeutende Frauen in Rilkes Leben, Clara Westhoff und Paula Modersohn, sondern begegnet einem feinsinnigen Herrn, der sich nur in Rilke-Zitaten äußert. Er entpuppt sich, als Ellen später in Paris recherchiert, als der Dichter höchstpersönlich. Rilke besucht gemeinsam mit ihr Museen und andere Orte, die für seine künstlerische Entwicklung relevant waren und geht eine Beziehung mit ihr ein, die ihn auch durch "normale" Konversation weiter Gestalt annehmen lässt. Aber so wie er in ihr Leben sprang, verschwindet er, da er zu Ellens moderner "Schriftstellerei" keinen Zugang findet. Biografische Details setzt Garanin, die mit Tusche und Aquarell arbeitet, in Sepiatönen ab, während Ellens Geschichte farblich akzentuierter ist. Zitate aus Rilkes Duineser Elegien, dem Stundenbuch, Gedichten und Briefen, die stets zum Fortgang der Story passen, sind wie Schnipsel aus Buchseiten dargestellt. Ellens Gedanken und Äußerungen in Schreibschrift werden von passenden Illustrationen begleitet. So wie Zeichnung und Text keine Begrenzungen kennen, sprengt auch die Liebesbeziehung zwischen Ellen und Rilke alle Grenzen. Garanin schafft mit ihrer außergewöhnlichen Konzeption einen interessanten Zugang zu Rilke, der sich an ein literaturinteressiertes Publikum richtet, aber auch Liebhaber gekonnter künstlerischer Federführung begeistern kann. Eine literarische Kostbarkeit für ausgebaute Bestände.
Margit Düing Bommes
rezensiert für den Borromäusverein.
Mein Freund Rilke
Melanie Garanin
Carlsen Comics (2025)
184 Seiten : farbig
fest geb.