Das Erste, was ich sah
Der 1954 in Salzburg geborene Autor (Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik") legt hier ein berückendes Erinnerungsbuch über seine Kindheit vor. Es handelt sich um eine Fülle kurzer, nur lose miteinander verbundener Erinnerungssplitter.
Präzise formulierte Miniaturen, die in der Gesamtschau ein mosaikartiges Bild von seiner Kindheit und den Verhältnissen im Salzburg der 50er und beginnenden 60er Jahre ergeben. Natürlich spielen die Familie - die Eltern sind Heimatvertriebene aus der Batschka -, dann die ersten Freunde und Freundinnen, Lehrerinnen und die Nachbarn die entscheidende Rolle. Der kleine Junge beobachtet genau, aber alle Beobachtungen bleiben an seinen kindlichen Horizont gebunden. Dem Autor gelingt das Kunststück, seinen reflektierenden Erwachsenenstandpunkt fast völlig zu eliminieren. Und so fühlt man sich in die naive Sicht- und Denkweise eines aufgeweckten Dreikäsehochs versetzt - und dennoch formuliert Gauß damit oft exemplarische Erfahrungen: "Ich hatte eine Großmutter, die unsichtbar hinter dem Eisernen Vorhang verborgen war. (...) Ich versuchte mir oft vorzustellen, wie dieser Vorhang aussah, ob er Falten aus Eisen warf ..." (S. 51). Der Zauber der Kindheit umfängt den Leser bei der Lektüre dieses schmalen Werkes, so unmittelbar rühren die Worte und Bilder an eigenes Erleben. Darüber hinaus ein psychologisch und historisch interessantes Buch.
Das Erste, was ich sah
Karl-Markus Gauß
Zsolnay (2013)
107 S.
fest geb.