Zwischen neun und neun
Leo Perutz, der böhmisch-österreichische Schriftsteller, der bereits 1918 in Wien diese absurde Erzählung seines Protagonisten Stanislaus Demba veröffentlichte, war in seiner Zeit ein Meister der analytischen Erzählung, die damals ganz neu war
und bis heute seinesgleichen sucht. Auch deshalb werden seine Bücher nach 100 Jahren immer noch aufgelegt. Die Hauptfigur, Stanislaus Demba, ist ein Kauz, ein Träumer, der immer an höchst sonderbaren Orten auftaucht und ganz plötzlich auch wieder verschwindet. In der virtuos erzählten Geschichte, die genau genommen eine moderne Fabel ist, geht es um falsche und echte Liebe, um Eifersucht, Geld, Diebstahl und einen Freitod. Ein Begriff spielt dabei durchweg eine eigentümliche Rolle im Hintergrund: Freiheit. So lautete am Ende des Ersten Weltkriegs der Titel dieser großartigen Erzählung, die erst als Vorabdruck in großen Zeitungen Prags, Wiens und Berlins erschienen ist. Demba kämpft, ein einsamer Fighter, kaum liebens-, aber bewundernswert. Man muss Hans-Harald Müller Recht geben, wenn er in seinem lesenswerten Nachwort schreibt: "Perutz überließ es den Lesern, was sie aus seinen Geschichten herauslesen wollten." Das war auch das Neue in der damaligen Nachkriegsliteratur der neuen deutschen und der österreichischen Republiken, die nicht national oder politisch vereinnahmte, sondern dem Leser den Freiraum für eigene moralische Überlegungen ließ. Genau darin liegt der Wert dieser bis heute gut unterhaltenden Geschichte.
Armin Jetter
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Zwischen neun und neun
Leo Perutz
Zsolnay (2017)
235 S.
fest geb.