Hitlers queere Künstlerin

Darauf haben viele Leser:innen von Künstlerbiografien und zeitgeschichtlichen Essays gewartet. Stephanie Hollenstein, lesbische Malerin und überzeugte Nationalsozialistin aus dem Vorarlberg (1886-1944) wird in Nina Schedlmayers glänzender Biografie Hitlers queere Künstlerin im Kontext von Familie, Ideologie, Kunstimpuls und versteckter Homosexualität vorgestellt. Aus einfachen, dörflichen Verhältnissen stammend – im Unterschied zu den meisten ihrer Malerkolleginnen – erfährt sie in der Münchner Boheme die Ausbildung ihres Talents und die ersten Liebeserfahrungen als homosexuelle Frau. Zugleich entwickelt sie eine esoterische, antisemitische Denkweise, die sie später in die in Österreich noch verbotene NSDAP führt. Als Künstlerin reüssierend, die Frauenbeziehungen insgeheim fortführend, erarbeitet Hollenstein sich ein Netz wichtiger Beziehungen, das im nationalsozialistischen Österreich (der „Ostmark“) sie als treue Parteigenossin trägt. – Aufschlussreich, voller gut recherchierter Details und zugleich auf die Frage nach den Bedingungen konzentriert, unter denen eine queere und talentierte Künstlerin sich aus Überzeugung dem Nationalsozialismus hingibt, hat die Kunsthistorikerin Schedlmayer nicht nur eine herausragende Biografie geschrieben, sondern im Eingehen auf aktuelle Stellungen queerer und antisemitischer Positionen ein brandaktuelles Buch vorgelegt. Dass ein Interviewausschnitt mit der lesbischen Vorsitzenden der AfD, Reflexionen zu unterschiedlichen Positionen anderer queerer Künstlerinnen und des Kunstmarkts darin Platz finden, ist für die Leser:innen von großem Nutzen. – Fern der historisch abgeschlossenen Betrachtung queerer Künstler im Nationalsozialismus fordert das Buch die heutige, differenzierte und kritische Auseinandersetzung mit rechtsradikalem Denken und ihren Protagonisten heraus. Beständen, deren Leser:innen für Kunst, Politik und Genderfragen offen sind, sei dieses Werk nachdrücklich empfohlen.

Helmut Krebs

Helmut Krebs

rezensiert für den Borromäusverein.

Hitlers queere Künstlerin

Hitlers queere Künstlerin

Nina Schedlmayer
Paul Zsolnay Verlag (2025)

300 Seiten : Illustrationen (teilweise farbig)
fest geb.

MedienNr.: 623221
ISBN 978-3-552-07512-2
9783552075122
ca. 28,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Ku
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