Schweben
Emma, die ihren wirklichen Namen vergessen hat, könnte eigentlich eine ganz normale Frau in einer Siedlung in ferner Zukunft sein. Längst werden Mensch und Natur vom Klimawandel und vom "System" dominiert, das dafür sorgt, dass die Menschen ihre
Siedlungen nie verlassen und Eindringlinge sofort erschossen werden. Besonders an Emmas Beruf ist, dass sie von Zeit zu Zeit nicht nur ihren Namen, sondern auch ihr Aussehen, ihren Kleidungsstil und ihre Angewohnheiten radikal ändert. So imitiert sie die verstorbenen oder getrennten Ehefrauen, Töchter oder Freundinnen ihrer Auftraggeber und Auftraggeberinnen. Dabei achtet sie darauf, die sogenannten "Begegnungen" auf ein paar Treffen in der Woche zu reduzieren, Grenzen zu setzen und den Vertrag notfalls zu kündigen. Denn sie spielt die Beziehungen nur nach, bietet darüber hinaus aber beispielsweise keine Versöhnungen an. Doch als sie den Innenarchitekten Gil kennenlernt, wird alles anders. Gil entpuppt sich als obsessiv und zugleich emotional abhängig von seiner gleichnamigen, fortgelaufenen Frau Emma. Als Emma noch entdeckt, dass die andere Emma die Siedlung freiwillig verlassen hat, und plötzlich übernatürliche Dinge geschehen, droht sich ihre Identität vollkommen aufzulösen … – Eine packende, stellenweise durch Rückblenden und Ellipsen etwas verwirrende Dystopie, die vor allem menschliche Beziehungen und ihre Gefühle in Extremlagen fokussiert. Sehr zu empfehlen.
Clara Braun
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Schweben
Amira Ben Saoud
Paul Zsolnay Verlag (2025)
187 Seiten
fest geb.