Die Reparatur der Lebenden
Im Jahr 2010, 18 Jahre nach dem Massaker an bosnischen und kroatischen Bewohnern Bosnien-Herzegowinas durch serbische Kämpfer, trifft die finnische Journalistin Taina Tervonen erstmals auf die Leiterin eines Identifikationszentrums in der Nähe von
Sarajevo. Sie begleitet sie mehrere Monate über einige Jahre hinweg bei ihrer Arbeit, menschliche Überreste aus Massengräbern zu identifizieren. Diese Massengräber wurden z.T. erst durch Geständnisse von Menschen gefunden, die an der Ermordung und Verscharrung der Getöteten beteiligt waren. Es war oft eine unmenschliche Arbeit, Leichenteile in sommerlicher Hitze auszugraben und zu untersuchen. Eine weitere Frau war dafür zuständig, Hinterbliebene von vermissten Menschen aufzuspüren, von ihnen Informationen zu ihren Angehörigen und DNA-Proben zu sammeln und in eine Datenbank einzugeben, wo sie mit den Funden abgeglichen wurden. – Die Autorin schildert einfühlsam sowohl die Arbeit der beiden Frauen aber auch den Schmerz und die Hoffnung der Hinterbliebenen, die manchmal einen Toten nach der Identifikation ein zweites Mal beerdigen müssen. Für diese Menschen ist es aber auch ein Trost, wenn sie Gewissheit haben. Allein das Schweigen der Peiniger und Zeugen macht die Autorin wütend. In einem Film zeigt sie schließlich die Geschichte der beiden Frauen, die Tote und Lebende zum Sprechen bringen. – Ein nicht einfach zu lesendes Buch, für interessierte Leser:innen, aber durchaus zu empfehlen.
Julia Massenkeil-Kühn
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Reparatur der Lebenden
Taina Tervonen ; aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Paul Zsolnay Verlag (2025)
207 Seiten : Karte
fest geb.