Vater unser
Lydias verschuldeter Vater war wohlhabender Geschäftsmann, der von Lara ist Arzt, drogenabhängig und im Entzug. Beide sind nun im Ruhestand und stehen Altersarmut und körperlicher Gebrechlichkeit hilflos gegenüber. Sie gehören zur Generation Woodstock,
führten ein selbstbestimmtes, unangepasstes Leben mit wechselnden Partnerinnen. Ihre Töchter, die beide unter Pseudonym schreiben, müssen das Leben für sie in die Hand nehmen. - Dieser Erfahrungsbericht, in dem die "Autorinnen jeweils im Wechsel über die Erlebnisse als neue Lebensmanagerinnen ihrer Väter schreiben" (S. 12), verweilt nicht auf der sachlichen Ebene; er packt den Leser und macht ihn zutiefst betroffen, weil er sich in die Lage der Töchter mit ihrer Trauer und Überforderung hineinversetzt oder die der Väter kaum akzeptieren kann. Manchmal mit skurrilem Humor gezeichnet, kommt die Ambivalenz der Töchter in widersprüchlichen Gefühlen durch wie Abwehr und Hilfsbereitschaft, Traurigkeit und Witz. Doch nur die Liebe zu diesen hilfsbedürftigen Menschen erlaubt den Rollentausch. Konstellationen, wie die hier beschriebenen, dürfte es inzwischen häufiger geben. Deshalb durchaus ab mittleren Beständen sinnvoll.
Karola Bartel
rezensiert für den Borromäusverein.
Vater unser
Lydia Baumann ; Lara Beer
C. Bertelsmann (2013)
252 S. : Ill.
kt.