Verdis letzte Versuchung
Giuseppe Verdi ist in zweiter Ehe mit Giuseppina, einer ehemaligen Primadonna verheiratet, die bei der Hochzeit 1859 bereits Mitte vierzig ist. Sie kann Verdi keine eigenen Kinder mehr schenken, was die Frau in tiefe Verzweiflung, gleichzeitig aber
auch in rasende Eifersucht auf junge Sängerinnen treibt, die beständig um die Gunst des Maestros buhlen. Einen besonderen Erfolg darin scheint Teresa Stolz zu haben. Die Sopranistin aus Prag singt an der Mailänder Scala, ist mit dem dortigen Dirigenten verlobt und mit ihm zusammen immer wieder Gast in Verdis Landgut Sant'Agata. So entwickelt sich zunehmend eine Dreiecksbeziehung, bei der Giuseppina leidet, Teresa vor Begeisterung glüht und Verdi zwischen beiden Frauen hin und her gerissen ist. In den Jahren zwischen 1868 und 1897, Giuseppinas Tod, lässt Lea Singer in einer Art Jahrbuch jede einzelne dieser drei Personen immer wieder zu Wort kommen. Dabei handelt es sich um teils banale Selbstgespräche, aber auch um tief verwurzelte Selbstreflexionen, Sichtweisen auf das Leben der jeweils anderen, intime Charakterstudien sowie Einblicke in die Intrigen des Operngeschäfts, die oft genug über Erfolg und Misserfolg eines Werkes entscheiden. - Neben den historisch verbürgten Tatsachen mag in diesem Roman manches Fiktion sein. Sie ist jedoch so realgetreu angelegt, dass dem Leser gar nichts anderes übrig bleibt, als sich Stück für Stück ins Schicksal dieser drei Menschen hineinziehen zu lassen. Eine höchst interessante Herangehensweise an Verdis Leben, die nicht nur Opernfans begeistern dürfte.
Josef Schnurrer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Verdis letzte Versuchung
Lea Singer
C. Bertelsmann (2012)
Edition Elke Heidenreich
271 S.
fest geb.