Verführt, verwirrt, für dumm verkauft
Der etwas reißerische Titel ist ein wenig irreführend, lässt er den Leser doch vermuten, hier würden v.a. die raffinierten Marketingstrategien unserer Konsumgesellschaft entlarvt. Dies ist aber nur am Rande der Fall. Dem naturwissenschaftlich und
theologisch gebildeten Autor geht es vielmehr um Grundsätzlicheres, nämlich um die Frage nach der Autonomie des Menschen und die Triebfedern seines Handelns. Im charmanten, manchmal etwas weitschweifigen Plauderton, dennoch wissenschaftlich gut abgesichert, stellt der Autor zwei geläufige Denkmuster infrage: nämlich die Vorstellung, der Mensch sei ein autonomes Individuum und ein durch Verstand und Vernunft gesteuertes Wesen. Das Streben nach Lust und Belohnung einerseits und das Bestreben, negative Gefühle, Stress und Schmerz (im weitesten Sinne) zu vermeiden, bestimmen seiner Meinung nach schon seit Urzeiten maßgeblich sein Handeln. Dass der Zeithorizont, den der Mensch dabei in sein Kalkül einbezieht, ein sehr beschränkter ist, wirkt sich fatal aus, z.B. in der Frage der Umweltzerstörung und Klimaerwärmung. Nur transzendente Orientierungen, etwa durch die Religion, eröffnen dem Menschen einen Blick über die nächste Zukunft und über das eigene Leben hinaus. Von den genannten Prämissen ausgehend stellt der Autor an vielen unterschiedlichen Beispielen aus allen Bereichen des Lebens und unter Verweis auf viele neue Studien dar, wie wir "Herdentiere" uns unbewusst manipulieren lassen - nur um von den Mitmenschen anerkannt zu werden und um dadurch möglichst viel Lust, Vergnügen, Lob und gute Gefühle zu erhalten und Leid zu vermeiden. "Aus sozialen Bindungen (werden) kognitive Fesseln" (S. 188). Dieses ausgesprochen anregende, im Kern provokative Buch verbindet naturwissenschaftliche, soziologisch-politische und philosophisch-religiöse Grundfragen in einem sehr anregenden Diskurs. Empfehlenswert!
Verführt, verwirrt, für dumm verkauft
Frank Ochmann
Gütersloher Verl.-Haus (2011)
240 S.
fest geb.