Ein Ort für das Leben
Die sattsam bekannten Kirchenreformthemen streift der Professor für Religionspädagogik hier allenfalls am Rande; seine Kritik gräbt noch tiefer. Was er bereits 2013 in „Leben eben!“ (BP/mp 13/499) für die persönliche Religionspraxis ausgeführt
hat, legt er nun noch einmal stärker auf die Kirchen bezogen dar und empfiehlt ihnen radikale Änderungen. Aus ihrem reichen Traditionsschatz sollen sie in dem Bewusstsein schöpfen, dass dieser - einschließlich der Bibel selbst - aus individuellen Erfahrungen und Deutungen entstanden ist, die ihren jeweils kulturbedingten Ausdruck in Texten, Symbolen und Riten gefunden haben. Daher hat die kirchliche Überlieferung großen Wert als Orientierungsrahmen und Anknüpfungsmöglichkeit, darf aber nicht als unveränderbar und glaubensverbindlich gelten, sondern muss laufend weiterentwickelt und ergänzt werden. An diesem Ansatz sieht man deutlich seine Verwurzelung in der evangelischen Kirche. Aufgabe der Kirche sei es, Wege zu persönlichen religiösen Erfahrungen zu ebnen und die Kommunikation darüber zu fördern. Sie muss die Lebensfragen der Menschen in den Mittelpunkt stellen und den „Bezug des eigenen Lebens und Erfahrens zu einem größeren, deutenden Rahmen“ (S. 40) ermöglichen. Eine solche lebendige, schon immer durchaus systemsprengende Religionspraxis sieht der Autor bereits bei den Propheten und insbesondere bei Jesus selbst. Alle Angebote und Einrichtungen der Kirchen sollten auf den Prüfstand dieser religiösen Kernaufgabe gestellt werden. Wo aufgeschlossene kirchlich Engagierte zu den Büchereikunden gehören, als Impuls- und Diskussionsbeitrag empfehlenswert.
Monika Graf
rezensiert für den Borromäusverein.
Ein Ort für das Leben
Joachim Kunstmann
Gütersloher Verlagshaus (2022)
223 Seiten
fest geb.