Liefern
„Liefern“ ist kein Roman mit einer fortlaufenden Handlung, vielmehr sind es einzelne Erzählungen, die an unterschiedlichen Schauplätzen spielen, wobei einzelne Personen in verschiedenen Kontexten mehrfach auftauchen. Die Lieferfahrer:innen verbindet
der Wunsch, zu überleben und eine bessere Zukunft ansteuern zu können. Dass sie diese Jobs zum Teil illegal erhalten, ist oft die einzige Wahl der durchaus gut ausgebildeten Lieferanten. Das Kapitel 'Mimesis' liest sich flüssiger als die anderen Kapitel. Schauplatz ist Istanbul. Hier geht es – neben den Problemen des Lieferfahrers Resul – um ein vom Germanisten Erich Auerbach verfasstes Buch zur Mimesis (Nachahmung bzw. Interpretation der Wirklichkeit in der Literatur). Ganz profan findet hier auch die Nachahmung der Wirklichkeit in Form einer Haartransplantation bei den Protagonisten statt. Auch sonst gibt es immer wieder literarische Anspielungen, z.B. 'Wer reitet so spät.' (S. 211) Im Grunde hätte jede der Erzählungen es verdient, zu einem eigenen Roman zu werden. Störend ist die Wortwahl, wenn es um ausgeübte Sexualität geht. Es nervt, und es ist auch nicht immer angemessen, wenn immer nur von 'ficken' die Rede ist.
Elke Wachner
rezensiert für den Borromäusverein.
Liefern
Tomer Gardi
Tropen (2026)
314 Seiten
fest geb.