Die letzten Tage der Diktatur
Für die gebürtige Flensburgerin Svenja Falk war dieser Teil der Geschichte ihrer Heimatstadt bis vor wenigen Jahren unbekannt: Vom 2. bis zum 23. Mai 1945 war die Stadt letzter Verwaltungssitz des NS-Regimes. Für jeden Tag dieser Zeitstrecke dokumentiert
die Autorin Aspekte, Geschichten, Schicksale und Kuriositäten. Begriffe aus dem Theaterleben beschreiben diese letzte „Aufführung“ der NS-Diktatur noch am ehesten, wobei die Tragik und Brutalität der Ereignisse jener Tage nicht unterschlagen werden. Und doch sind es die Einzelschicksale, die den Leser berühren. Der Marinefunker Siegfried Unseld, der Jahre danach die Leitung des Suhrkamp Verlags übernehmen wird, Beate Uhse, 1945 noch Offizierin der Luftwaffe, dann erfolgreiche Unternehmerin im Geschäft mit der Erotik. Oder Wolfgang Neuss, der herausragende Kabarettist der Adenauerjahre, im Mai 1945 in Flensburg interniert, um nur einige wenige zu nennen. Aber auch Interessierte an den historischen Details jener Tage lesen das Werk mit Gewinn, gerade weil die „Flensburg-Episode“ einige Grundzüge der jungen Bundesrepublik definierte. Das Werk ist in dutzende kleiner Abschnitte portioniert, die sich beliebig lang sequenziell lesen – oder gelegentlich auch (fast) folgenlos überspringen lassen. – Ein ebenso facettenreiches Geschichtenbuch wie seriöse Historie. Ergänzt mittlere bis größere Bestände zum Thema „Zweiter Weltkrieg/Drittes Reich“.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die letzten Tage der Diktatur
Svenja Falk
Klett-Cotta (2026)
250 Seiten : Illustrationen
fest geb.