Die Routinen
Die weggedrillte Kindheit. Der wegtrainierte Zyklus. Die mit Schmerzmitteln weggespritzten Verletzungen. In ihrem Romandebüt findet Son Lewandowski eine intensive, dichte und bildstarke Sprache für die auf Höchstleistung getrimmten Körper von Kunstturnerinnen,
die dehnbar, biegsam und verfügbar gemacht werden. Entlang der Geschichte der 15-jährigen Izzy und der über 30-jährigen Amik, die sich im Nationalkader auf die Europameisterschaften 2023 vorbereiten und die eine ambivalente Beziehung verbindet (Freundschaft bei gleichzeitiger Konkurrenz um Erfolg und Anerkennung), erzählt die Autorin vom Wettbewerbsdruck und physischer Gewalt im Spitzensport. Die im Training tausendmal wiederholten Sprünge, Schwünge und Drehungen auf Schwebebalken oder am Stufenbarren sollen die Übungen bei den Wettkämpfen elegant, schwerelos und routiniert aussehen lassen. Die ununterbrochene Kontrolle über das Körpergewicht der Mädchen, den Tagesablauf der jungen Frauen oder ihren Kontakt zu Freunden und Eltern, die die Trainer, Betreuer oder Sportärzte ausüben, macht auch vor sexuellem Missbrauch keinen Halt. Auch hier kann man beinahe von einer Routine sprechen, erfolgen die Übergriffe doch systematisch, oft jahrelang unbehelligt und unbestraft. – Den überwiegend aus der Ich-Perspektive von Amik erzählten Text erweitert die Autorin gekonnt um faktisches und dokumentarisches Material zu Biografien und Karrieren von weltbekannten Profiturnerinnen wie Vera Cáslavská, Nadia Comaneci, Olga Korbut, Kerri Strug oder Simone Biles. Demnach sind Demütigungen, Psychoterror, Misshandlungen und sogar politische Instrumentalisierung von Sportleistungen, sei es im sozialistischen Rumänien oder in Elite-Trainingscamps in den USA, keine individuellen Erfahrungen, sondern tiefe strukturelle Probleme. Eine Lektüre, die lange nachhallt und fast körperlich weh tut.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Routinen
Son Lewandowski
Klett-Cotta (2026)
268 Seiten
fest geb.