Schlangentöchter
Als Tonie 1963 als Tochter eines Reptilienwärters am Frankfurter Zoo auf die Welt kommt, wird sie mit einem Schlangenschwanz geboren. Für ihre Mutter ist dies ein Gräuel, ihre Großmutter sieht dies verständnisvoll - denn sie selber und ihre Schwester
hatte diese Absonderlichkeit auch. Tonie verliert den Schwanz schnell durch ein Missgeschick, doch von dieser Zeit an spricht eine geheimnisvolle Stimme zu ihr. Und lässt sie allmählich die Lebensgeschichten ihrer Familie dechiffrieren: die ihrer legendären Tante, die als Missionarin im Amazonasgebiet lebt. Die ihrer rigiden Tante, die ihrer Großmutter Elsbeth, die das Familiengeheimnis streng hütet, die ihres desillusionierten Vaters. - Der Roman ist das Erstlingswerk der Autorin. Und das ist bemerkenswert, denn er ist sowohl in inhaltlicher Darstellung als auch vom sprachlichen Niveau her außergewöhnlich gut. Mit einer faszinierenden Metaphorik legt Kühn die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte bloß, enthüllt schonungslos und scharfsichtig die deutsche Identität der sechziger und siebziger Jahre. Und das in einer Fabulierfreude und mit einem Stil, der ebenso originell wie brillant ist. Das Buch wird man, hat man einmal damit angefangen, vor der letzten Seite kaum weglegen. Und dann wird man sich wünschen, dass Kühn bald ihren nächsten Roman vorstellt.
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Schlangentöchter
Heike Kühn
Frankfurter Verl.-Anst. (2014)
381 S.
fest geb.