Das Herzflorett
Pepsi beschwert sich als kleines Mädchen, bei Großeltern oder Tanten in Dalmatien lebend, in einem Brief an die Eltern in Deutschland über den täglichen Hunger, trotz der Zahlungen der Eltern an die Verwandten. Das dann folgende Leben bei den Eltern
und den beiden Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen in Hessen, zerstört rasch sämtliche Hoffnungen Pepsis. Mutter und Vater müssen als Putzfrau und Bauarbeiter schwer arbeiten, Pepsi muss mit ran, aber innerhalb der Familie wird dies nicht mit Nähe belohnt, sondern mit Härte, Gewalt und Engstirnigkeit bestraft. Pepsi baut sich aus den Naturträumen ihrer Kindheit und neuem Bücherwissen eine ihre Persönlichkeit schützende und fördernde (Schein-) Welt. Sie flüchtet immer häufiger, je älter sie wird und je mehr sie sexuellen Übergriffen ausgesetzt ist. Auch die Welt um sie herum gerät u.a. durch die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, den Fall des Eisernen Vorhangs, den Bosnienkrieg ins Wanken. Vom kleinen Lohn in der Buchhändlerinnenausbildung muss sie den Bärenanteil bei der Mutter und damit auch zur Finanzierung der Alkoholsucht des Vaters abgeben. Doch ihre auch märchenhafte Traum- und Denkwelt trägt. Sie mietet sich ein Zimmer in Frankfurt, ihrem Arbeitsort, und übersiedelt trotz vieler widriger Umstände mit ihren Büchern als Grundkapital dorthin. – Bodrožic gelingt eine poetische Prosa. Dem atemlosen Text in sieben Kapiteln mit offensichtlichen autobiografischen Elementen, nahezu ohne Absätze, spürt der Lesende die Sehnsucht nach der Luft zum Überlebensatem an. Auch ein Buch über einen Kampf um ein menschenwürdiges Leben – gegen alle Hoffnungslosigkeit. Gerne breit empfohlen.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Das Herzflorett
Marica Bodrozic
Luchterhand (2024)
284 Seiten
fest geb.