Smart City
"Hier gibt es keine Verkehrsunfälle, keine Gewalt auf den Straßen, keine schädlichen Abgase, keinen Verkehrs- und Baulärm, keine Armut, keine Obdachlosigkeit." In NEUDA wird das urbane Leben der Zukunft erprobt. Konsequente Nachhaltigkeit und Umsetzung
der Zero-Waste-Vorgaben, kosten- und emissionsfreie Mobilität, autarke Energieversorgung, nicht vorhandene Kriminalität: In der Planstadt am nördlichen Donauufer unweit von Wien genießen die EinwohnerInnen hohe Lebensqualität, makellose Sauberkeit und vielfältige digitale Dienstleistungen. – In seinem Roman dekonstruiert der österreichische Autor Daniel Wisser gekonnt die zukunftsweisende Vision, indem er seine Protagonistin Morag Oliphant bei ihren Recherchen nach und nach die dunkle Seite der angeblichen Vorzeigestadt enthüllen lässt. Demnach ist NEUDA kein mutiges Transformationsvorhaben, sondern ein auf totaler Überwachung, Zensur und Ausbeutung basierendes Geschäftsmodell des mächtigen Konzerns Tucana, das mit einem Geflecht an Tochterfirmen und Subunternehmen das Leben in der "Smart City" bestimmt. Die fatale (und gar nicht ausschließlich fiktive) Verflechtung zwischen der korrupten Regierungspartei und der Lobby kapitalstarker Unternehmen führt in NEUDA zu Informationskontrolle und Datenmissbrauch statt Meinungsfreiheit, zur sozialen Segregation statt Gerechtigkeit und Inklusion, zum dreisten Greenwashing statt funktionierender Kreislaufwirtschaft und zu willkürlich durchgreifenden privaten Security-Services statt Polizei, die die Prinzipien der öffentlichen Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit schützt. Morag Oliphant begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit – eine Suche, die sie auch zu den brutalen Mördern ihres Ehemannes Rochus und ihrer kleinen Tochter Nelly führt. – Eine erschreckend aktuelle Lektüre für alle, die sich für eine Genre-Mischung aus Dystopie und Krimi begeistern.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Smart City
Daniel Wisser
Luchterhand (2025)
411 Seiten
fest geb.