Die Seilspringerin
Alice kämpft sich durch ihr Leben. Von ihren Eltern erhält sie wenig bis keine Zuwendung. Sie ist das einzige Kind in einer "unterkühlten Familie". Einzig ihre Freundin Svea begleitet sie an guten wie an schlechten Tagen. Im Konservatorium ist sie
die einzige Frau, die Komposition studiert, von einem deutlich älteren Lehrer gefördert, der sie ohne wirkliche Erklärung an einen Kollegen zur Betreuung weitergibt – und eine einvernehmliche Beziehung mit ihr eingeht. Er versucht ihr einzutrichtern, für Komponisten ersetze die Musik die leiblichen Kinder. Als sie von ihm schwanger wird, will er sie wegen des großen Altersabstandes verlassen, damit sie und das Kind unabhängig von ihm sind. Trennung und Fehlgeburt folgen. Und eine erfolgreiche Kompositionszeit, die finanziell sorgenfrei ist, weil sie unter Pseudonym mit Werbejingles viel Geld verdient. So lernt sie den Fondsmanager Mark kennen und lieben, wächst in seine kinderfreundliche Herkunftsfamilie hinein, will ein eigenes Kind mit ihm, was auf natürlichen Wegen nicht gelingt. Ein Großauftrag des Königlichen Sinfonieorchesters und eine mühevolle Befruchtungstherapie stehen zeitgleich auf dem Programm. Die Freiheit beim Erschaffen von Rhythmus, Tempo und Melodie hilft ihr, sich den Regeln der letztlich erfolglosen Therapie zu unterwerfen. Während des Abschlusses ihrer Komposition wird sie völlig überraschend schwanger und bei der Uraufführung spürt sie erstmals das Leben in sich. – Ein sprachlich schnörkelloser, atmosphärisch sehr ansprechender Roman, der viele Sphären und Lebenswelten miteinander in Verbindung bringt, mit und ohne Harmonien. Schöpfung und Relevanz von selbst Geschaffenem: die holländische Autorin bringt es in gut konturierten Personen ins Wort. Sehr gerne empfohlen.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Seilspringerin
Anna Enquist ; aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Luchterhand (2024)
302 Seiten
fest geb.